24 Okt

STELLUNGNAHME DES STADTACKERS ZUR INTERIMSOPER AN DEN WAGENHALLEN – OFFENER BRIEF –

24. Oktober 2018
STELLUNGNAHME DES STADTACKERS ZUR INTERIMSOPER AN DEN WAGENHALLEN

– OFFENER BRIEF –

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kulturfreunde,

der Stuttgarter Zeitung vom 16.10.2018 haben wir entnommen, dass OB Fritz Kuhn den Bau der Interimsoper auf dem Gelände gegenüber des Kunstvereins Wagenhalle im Stuttgarter Norden favorisiert mit der Begründung hier ein „neues Kulturquartier kreieren” zu wollen. Was die städtische Task Force unter Leitung von OB Fritz Kuhn bei der Suche nach möglichen Standorten abhandengekommen zu sein scheint, ist, dass sich auf dem anvisierten Gelände bereits eine florierende, mehrfach preisgekrönte Subkultur über sechs Jahre entfaltet hat, die sie nun mit einem kurz-greifenden Ansatz unwiederbringlich zerstören würde.

Bei der benannten Subkultur im „Kulturschutzgebiet” handelt es sich einerseits um die Container-City, die noch im September mit dem renommierten Deutschen Städtebaupreis, aufgrund ihrer Eigenschaft, eine „Schnittstelle zwischen Ateliergemeinschaft und Stadtgesellschaft zu bilden”, ausgezeichnet worden ist und andererseits um den Stadtacker Wagenhallen e.V., der im vergangenen Jahr noch persönlich von OB Fritz Kuhn mit einem Preis des Stadtverschönerungsvereins gewürdigt wurde.

Der Stadtacker ist ein soziales, interkulturelles Gemeinschaftsgartenprojekt zur gärtnerischen Nutzung einer 2000m² großen einst ungenutzten Fläche im städtischen Raum. Er stellt dabei eine Begegnungsfläche für einen Querschnitt der Stuttgarter Stadtbevölkerung dar. Angefangen von Akademikern und Geflüchteten über junge Familien bis hin zu Rentnern, treffen sich hier verschiedene Bevölkerungsgruppen aus den unterschiedlichsten sozialen Hintergründen auf Augenhöhe. Für über 100 Stadtackernde ist er Experimentierfläche, der gemeinsam gestaltet, genutzt und erhalten wird. Dabei bleibt das Gelände ein frei zugänglicher öffentlicher Raum. Der Umgang mit der Natur und die nachhaltige Erzeugung von Nahrungsmitteln stehen im Vordergrund. Gleichzeitig wird dort täglich eine Kultur des Miteinanders, des Verständnis füreinander und der Toleranz gepflegt. Aus diesen Gründen wurde der Stadtacker im April 2018 von den Vereinten Nationen, als vorbildliches Projekt ausgezeichnet, welches die Themen „Biodiversität“ und „sozialer/gesellschaftlicher Zusammenhalt“ verbindet. 

Darüber hinaus ist das Soziotop Stadtacker eingebettet in ein gewachsenes Netzwerk von unterschiedlichen dort ansässigen Initiativen wie etwa dem Kunstverein Wagenhalle, Fahrräder für Afrika, der Demeter-Imkerei Summtgart oder Foodsharing und verzweigten Kooperationen zu öffentlichen Einrichtungen (z.B. Kita Rosenstein), womit sich das Gemeinschaftsprojekt tief in das multikulturelle Nordbahnhofviertel verwurzelt.

Der Gemeinschaft des Stadtackers ist es unerklärlich, dass die Stadt Stuttgart in einem intransparenten Entscheidungsprozess unbedarft eine nachhaltige, sozio-kulturelle und ökologische Subkultur einer Interimsnutzung opfert. Auch die erwähnte „gegenseitige kulturelle Befruchtung” ist in diesem Vorschlag nicht realisierbar, denn die gewachsene Subkultur vor den Wagenhallen müsste gleichzeitig weichen. Ärgerlich stimmt uns zudem, dass hier Subkultur gegen Hochkultur gegeneinander ausgespielt wird, anstatt beiden den notwendigen Raum zu geben und sie für das zu preisen, was sie sind.

Wir als Stadtacker sehen uns weiterhin als festen Bestandteil einer nachhaltigen, ökologischen und sozio-kulturellen Subkultur im Rosensteinquartier, z.B. im Rahmen der „Agenda Rosenstein“, und fordern deshalb entschieden einen sofortigen Stopp der Planung der Interimsoper auf dem Wagenhallengelände.

Ihr Stadtacker

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